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Mutig sein und verbunden bleiben

Eine offene Haltung macht Veränderungen möglich. Betroffener Simon Heller im Gespräch mit Shiromani Mangold und Joëlle Beeler.

1. März 2026

Was bedeutet es, mit einer Depression selbstbestimmt zu leben und sich gleichzeitig getragen zu fühlen? Simon Heller hat während seines Aufenthalts in der Psychiatrie Baselland gelernt, Hilfe anzunehmen und Schritt für Schritt wieder Vertrauen ins eigene Leben zu gewinnen.

Zwei Tage vor seinem geplanten Austritt aus dem stationären Aufenthalt in der Psychiatrie Baselland meldete sich seine Angst mit voller Wucht zurück. Der Körper zitterte, die Gedanken kreisten. Wochenlang hatte Simon Heller (Name geändert) auf diesen Moment hingearbeitet und doch war er sich plötzlich unsicher, ob ihm der Schritt nach Hause gelingen würde.

Ein innerer Satz half dem 71-jährigen, um ins Handeln zu kommen: «Was würde ich tun, wenn ich mutig wäre?» Mit dieser Frage schaffte er es, seine Angst zu überwinden und die Klinik zu verlassen. Rückblickend weiss er, dass dieser Schritt nur möglich war, weil er darauf vorbereitet wurde. In der Klinik lernte er Verhaltensweisen im Umgang mit schwierigen Momenten, Strategien gegen das Grübeln und konkrete Abmachungen für den Alltag.
 

Selbstbestimmt und offen

Simon Heller lebt seit vielen Jahren mit der Depression und kennt Klinikaufenthalte. Diesmal war es aber anders. Früher habe er versucht, die Fassade aufrechtzuerhalten. «Nun richtete ich den Blick nach innen», erzählt er. «Ich habe die Depression als Krankheit angenommen. Ich sehe sie nicht als persönliches Versagen.» Zudem habe er gelernt, seine Gefühle anzunehmen, sie auszudrücken, offener zu sein.

«Diese selbstbestimmte und offene Haltung hat Veränderungen erst möglich gemacht», erklärt die leitende Psychologin der alterspsychiatrischen Psychotherapiestation Shiromani Mangold. Simon Heller ergänzt, dass sein Umfeld früher oft erraten musste, wie es ihm ging. Heute spreche er es aus, wenn es schwierig werde. «Das entlastet nicht nur mein Umfeld, sondern auch mich selber. Die starken Spannungen, die sich früher häufig in Migräne zeigten, haben deutlich nachgelassen. «Die Farben werden wieder bunter», erklärt er.
 

Eingebunden und getragen von anderen

Nicht allein zu sein, ist für Simon Heller zentral. Die Beziehung zu seiner Frau, seiner Tochter, dem Schwiegersohn und seinem Enkelkind geben ihm Halt. Auch der Kontakt zu Freunden und seine hilfsbereiten Nachbarn schätzt er sehr. Besonders wichtig ist für ihn die Erkenntnis, dass sein Wert nicht an Leistung gebunden ist.

Innerhalb der Klinik erlebte er starke Verbundenheit. In der sogenannten Interaktionellen Gesprächsgruppentherapie begegnen sich Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten, aber ähnlichen Herausforderungen. Im Austausch in der therapeutisch geleiteten Gruppe fand Simon Heller Verständnis: «Oft genügte ein halber Satz, und alle in der Gruppe verstanden, worum es geht.» Simon Heller hatte diese Begegnungen während seines Aufenthaltes sehr geschätzt.
 

Eine Brücke in den Alltag

Für manche Patienten kann das Ende eines stationären Aufenthaltes herausfordernd sein. «Es kommt immer wieder vor, dass beim Übergang in den Alltag noch nicht alle Fähigkeiten und Strategien beim Patienten gefestigt sind. Deshalb bieten wir ein tagesklinisches Angebot im stationären Rahmen an», erklärt die leitende Psychologin Shiromani Mangold. Dieser sanftere Übergang begleitet einen darin, neue Schritte im häuslichen Umfeld auszuprobieren und die erworbenen Fähigkeiten zu festigen.»

Die gemeinsam mit seiner Psychologin erarbeitete Austritts- und Nachsorgeplanung gibt Simon Heller zusätzliche Sicherheit. Das persönliche Notfallblatt bündelt mögliche Warnsignale, hilfreiche Strategien und wichtige Kontakte. Wenn nach dem Austritt Unsicherheit aufkommt, kann er dort nachlesen und sich erinnern, was ihn bereits getragen und ihm geholfen hat: «Für mich ist dieses Notfallblatt ein wichtiger Pfeiler der Nachsorge. Es ist eine gedankliche Brücke zurück an einen Ort, an dem ich mich aufgehoben fühlte. Es gibt mir dadurch Sicherheit und reduziert mögliche Ängste», erklärt der 71-jährige.

Hoffnung als Erfahrung

Stolz ist Simon Heller heute darauf, dass er den Mut gefunden hat, seine alten unzweckmässigen Verhaltensweisheiten loszulassen und Neues zu wagen. Kraft geben ihm regelmässige Meditation, bewusste Ruhe und der Blick zurück auf überstandene Krisen. Vieles, was im Voraus unüberwindbar schien, verlor im Nachhinein an Bedrohlichkeit: «Daraus wächst Zuversicht. Nicht als Garantie, aber als tragfähige Erfahrung. Das beruhigt mich ungemein und trägt mich zurück ins normale Leben», erklärt Simon Heller.

 

 

Text: Joëlle Beeler
Foto: Stephanie Naujoks

Tag der Kranken: Selbstbestimmt und eingebunden

Der Tag der Kranken vom 1. März 2026 trägt das Motto selbstbestimmt und eingebunden. Für den Psychiatriepatienten Simon Heller stehen diese beiden Begriffe nicht im Widerspruch. Selbstbestimmung heisst für ihn wahrzunehmen, wann Unterstützung nötig ist und sie dann anzunehmen. Zu wissen, dass er nicht allein und in seine Familie eingebunden ist, gibt ihm die Kraft, seinen Weg weiterzugehen.

Am Tag der Kranken kommen Gesundheitsfachpersonen und Menschen mit chronischen Krankheiten und auch Angehörige zu Wort. Sie zeigen, warum der Austausch unter Betroffenen und Angehörigen wichtig ist.