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Wenn Emotionen überfluten: Leben mit Borderline

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist geprägt von intensiven Gefühlen, inneren Spannungen und emotionalen Krisen. Sie kann das Selbstbild, die Emotionsregulation und die zwischenmenschlichen Beziehungen stark beeinflussen. Rund 2% der erwachsenen Bevölkerung in der Schweiz sind davon betroffen. Heute gilt Borderline als gut behandelbar. Im Gespräch erklärt Luzius Heydrich, leitender Psychologe der Station für Menschen mit Identitäts- und Beziehungsstörungen, wie sich die Erkrankung zeigt und weshalb frühe Unterstützung wichtig ist.

1.6.2026

Luzius Heydrich, was erleben Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung im Alltag?

Viele Betroffene erleben ihre Gefühle deutlich intensiver als andere Menschen. Emotionen wie Angst, Wut, Freude oder Verzweiflung können innerhalb kürzester Zeit wechseln. Für Aussenstehende wirken die Auslöser manchmal klein; zum Beispiel, wenn eine Freundin zu spät kommt. Für Betroffene kann dies jedoch starke Gefühle von Verlassenheit auslösen und zu heftigen emotionalen Reaktionen führen.

Was sind die typischen Merkmale einer Borderline-Persönlichkeitsstörung?

Im Zentrum stehen emotionale Instabilität, Schwierigkeiten in Beziehungen und ein unsicheres Selbstbild. Viele Betroffene wissen nicht genau, wer sie sind, was sie brauchen oder was sie wollen. Beziehungen werden oft sehr intensiv erlebt und schwanken zwischen grosser Nähe und plötzlicher Distanz. Hinzu kommen häufig belastende Bewältigungsstrategien wie Selbstverletzungen, Suchterkrankungen oder suizidale Krisen.

Viele Menschen denken bei Borderline sofort an Selbstverletzung. Ist das gerechtfertigt?

Selbstverletzungen kommen tatsächlich häufig vor, sind aber weder das einzige noch das wichtigste Merkmal der Erkrankung. Selbstverletzungen entstehen oft aus emotionaler Überforderung und dienen dazu, innere Spannungen abzubauen oder sich selbst wieder zu spüren. Borderline beinhaltet deutlich mehr als Selbstverletzung.

Warum haben viele Betroffene so grosse Angst davor, verlassen zu werden?

Diese Ängste hängen häufig mit frühen Beziehungserfahrungen zusammen. Viele Betroffene haben als Kinder wenig emotionale Sicherheit erlebt oder waren mit Vernachlässigung und Zurückweisung konfrontiert. Beziehungen werden deshalb oft als wichtige Quelle von Halt erlebt. Geht eine Beziehung verloren, kann dies das Gefühl auslösen, den Boden unter den Füssen zu verlieren.

Wie entsteht eine Borderline-Persönlichkeitsstörung?

Es gibt keine einzelne Ursache. Heute gehen wir von einem Zusammenspiel biologischer und psychosozialer Faktoren aus. Manche Menschen reagieren von Natur aus sensibler auf Belastungen. Kommen schwierige Beziehungserfahrungen, Vernachlässigung oder Traumatisierungen hinzu, kann sich daraus eine Borderline-Problematik entwickeln.

Kann Borderline auch ohne schwere Traumata entstehen?

Das ist möglich. Was ich jedoch bei vielen Betroffenen sehe, sind belastende oder traumatisierende Bindungserfahrungen in der Kindheit. Das können emotionale Vernachlässigung, instabile Bezugspersonen oder fehlende emotionale Sicherheit sein. Solche Erfahrungen prägen die Entwicklung von Identität und Beziehungsfähigkeit.

Wann zeigen sich die ersten Symptome?

Meistens gibt es die Anzeichen für Borderline in der Pubertät. Die hormonellen Veränderungen und die ohnehin intensive Identitätssuche dieser Lebensphase treffen auf eine bereits bestehende emotionale Verletzlichkeit. Dadurch werden Schwierigkeiten oft erstmals deutlich sichtbar.

Borderline wird häufig gemeinsam mit anderen psychischen Erkrankungen diagnostiziert. Welche sind das?

Sehr häufig sehen wir Depressionen, Suchterkrankungen, Essstörungen oder Traumafolgestörungen. Auch ADHS oder Autismus können gleichzeitig auftreten. Deshalb ist eine sorgfältige diagnostische Abklärung wichtig.

Wann sollte man sich professionelle Hilfe holen?

Sobald ein Leidensdruck entsteht. Wenn Beziehungen immer wieder scheitern, die Arbeit leidet oder emotionale Krisen den Alltag bestimmen, lohnt es sich, Unterstützung zu suchen. Gerade bei Borderline gilt: Je früher eine Behandlung beginnt, desto besser sind die Aussichten.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Psychotherapie ist die wichtigste Behandlung. Sie hilft Betroffenen, Gefühle besser zu verstehen und zu regulieren, stabilere Beziehungen aufzubauen und ein klareres Selbstbild zu entwickeln. Die PBL bietet dafür ambulante, tagesklinische und stationäre Behandlungen an.

Auch Angehörige leiden oft mit. Was raten Sie ihnen?

Angehörige sollten versuchen, ruhig und verständnisvoll zu bleiben, ohne dabei ihre eigenen Grenzen zu verlieren. Unterstützung bedeutet nicht, die Verantwortung für das Leben der betroffenen Person zu übernehmen. Klare Kommunikation und das Wahrnehmen eigener Bedürfnisse sind wichtig. Wenn die Belastung gross wird, sollten auch Angehörige professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen.

Borderline ist stark stigmatisiert. Woher kommt das Bild von «schwierig» oder «manipulativ»?

Viele Verhaltensweisen werden missverstanden. Was von aussen manipulativ wirken kann, ist oft ein verzweifelter Versuch, mit überwältigenden Gefühlen umzugehen oder auf innere Not aufmerksam zu machen. Hinter der Symptomatik stehen Menschen, die häufig grosse Angst haben, verletzt oder verlassen zu werden.

Luzius Heydrich - zum Schluss: Was möchten Sie Betroffenen und Angehörigen mitgeben?

Bleiben Sie im Gespräch und suchen Sie Unterstützung. Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine belastende Erkrankung, aber sie ist behandelbar. Die therapeutischen Möglichkeiten haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verbessert. Je früher Hilfe in Anspruch genommen wird, desto grösser sind die Chancen auf ein stabiles und selbstbestimmtes Leben.

Kontakt
Luzius Heydrich
Stationsleitender Psychologe A5
Schwerpunkt Psychotherapien und psychosoziale Therapien
 Liestal