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«Ich habe keine Lösungen. Aber ich kann nachfühlen.»

16. September 2026

Fritz Rechsteiner ist Künstler, Peer und, wie er selbst sagt, ein «Luusbuebe-Flüschterer». Warum das so ist, hat viel mit seiner eigenen Geschichte zu tun. Psychische Krisen begleiteten ihn über viele Jahre. Heute arbeitet der 62-Jährige als Peer in der Psychiatrie Baselland und nutzt seine Erfahrungen, um Menschen in Krisen zu verstehen, ihnen Mut zu machen und gemeinsam mit ihnen nach ihren Stärken zu suchen.

Fritz Rechsteiner, wer sind Sie und was sollten Menschen über Sie wissen, bevor wir über Ihre Peerarbeit sprechen? 

Ich bin Künstler. Die Kunst hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Als Kind wollte ich eigentlich Lokomotivführer werden. Später faszinierte mich Franz von Assisi und ich wollte Kapuziner werden. Ich habe in meinem Leben immer wieder nach meinem Weg gesucht.  

Sie haben in deinem Leben mehrere psychische Krisen erlebt. Gab es einen Moment, an dem Sie gemerkt haben: So geht es nicht weiter? 

Meine erste schwere Krise hatte ich mit ungefähr 18 Jahren. Danach erlebte ich über viele Jahre hinweg weitere manische, psychotische und depressive Episoden. Lange Zeit wollte ich nicht wahrhaben, dass ich psychisch erkrankt bin. 2011 kam nochmals eine schwere Krise. Da war für mich irgendwann klar: Jetzt ist Schluss. Ich wollte nicht mehr jedes Mal etwas aufbauen und am Ende wieder vor einem Scherbenhaufen stehen. Ich musste mich mit meiner Erkrankung und mit mir selbst auseinandersetzen. 

Was hat Ihnen auf Ihrem Weg geholfen? 

Ein wichtiger Schritt war, verstehen zu wollen, was hinter meinen Krisen steckt. Früher herrschte noch viel stärker die Haltung: einmal psychisch krank, immer psychisch krank. Ich wollte mich damit nicht zufriedengeben. Ich wollte wissen: Was ist eigentlich los mit mir? Was will mir meine Seele sagen? 

Ich hatte vieles lange unter einem Deckel gehalten: Gefühle, Unsicherheiten und Fragen zu meiner Identität. Ich hatte lange Mühe, mich als Mann zu akzeptieren und lebte sehr stark im Kopf. Deshalb musste ich zuerst lernen, meine Gefühle wahrzunehmen und mich mit ihnen auseinanderzusetzen. 

Der Verein für Sozialpsychiatrie Baselland half mir hierbei. Dort hatte ich eine Tagesstruktur und in einem Atelier konnte ich regelmässig malen. Die Kunst half mir Dinge auszudrücken für die ich lange keine Worte hatte. 

Welche Rolle spielt die Kunst heute für Sie? 

Sie spielt eine sehr grosse Rolle. Ich glaube, jeder Mensch muss sich in seinem Leben mit Konflikten auseinandersetzen. Ich machte dies mit meinen Bildern und verarbeitete so Dinge, die mir lange Angst gemacht haben. Besonders prägend war für mich die Auseinandersetzung mit meiner Jugend; mit Fragen rund um Identität und Sexualität. Vieles davon hatte ich lange verdrängt. Irgendwann nahm ich meinen inneren Teenager an die Hand und sage ihm: Du musst keine Angst mehr haben. Wir gehen da gemeinsam durch. Aus dieser Auseinandersetzung ist ein Buch mit Bildern entstanden.  

Fritz Rechsteiner, wie sind Sie schliesslich Peer geworden? 

Ursprünglich kam die Idee dazu schon sehr früh. Nach meiner ersten Krise war ich in der Psychiatrie Baselland und hatte nach dem Austritt auf dem Weg zur Bushaltestelle plötzlich den Gedanken: Eigentlich möchte ich hierbleiben und anderen Menschen den Rücken stärken. Damals sprach noch kaum jemand von Recovery oder Peer-Arbeit. 

Viele Jahre später begegnete mir diese Idee wieder. Ich besuchte den Kurs «Recovery – Wege entdecken», absolvierte die Weiterbildung zum Peer und machte ein Kurzpraktikum in der Forensik der Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel. Auch in der PBL machte ich ein Praktikum und arbeite nun seit 2020 fix hier. Rückblickend merke ich: Die Idee von damals hat zu meiner Lebensgeschichte gepasst. 

Was können Sie als Peer Patientinnen und Patienten mitgeben? 

Ich habe keine fertigen Lösungen. Aber ich kann nachfühlen. Ich kenne psychische Krisen nicht aus einem Buch, sondern aus meinem eigenen Leben. Wenn ich mit einem Menschen spreche, möchte ich mir ein ganzheitliches Bild von ihm machen. Warum ist er hier? Was beschäftigt ihn? Was sind seine Stärken? Und was könnte ihm Mut machen, seinen eigenen Weg zu gehen? 

Gerade bei jungen Männern erlebe ich immer wieder, dass Themen da sind, über die sie kaum sprechen können. Ängste, Unsicherheiten, Sexualität und immer wieder die Frage: Wer bin ich eigentlich? Diese Auseinandersetzungen kenne ich selbst sehr gut. Früher bekam ich nur schon rote Ohren, wenn jemand über Sexualität sprach. Heute kann ich darüber offen und selbstverständlich sprechen. 

Genau deshalb sehe ich mich auch als «Luusbuebe-Flüschterer». Mich interessiert nicht nur das Verhalten, das man von aussen sieht. Mich interessiert, was dahintersteckt und wo die eigentliche Not des Menschen liegt. 

Wie merken Sie in einer Begegnung, dass Sie etwas bewirken können? 

Für mich ist ein Gespräch manchmal fast wie Detektivarbeit. Mein Gegenüber bringt seinen Rucksack mit, und ich bringe meinen mit. Ich versuche zu verstehen. Dabei ist mir wichtig, seinen Rucksack nicht zu meinem zu machen. Ich habe keine Lösungen, aber ich kann nachfühlen und eigene Erfahrungen einbringen. 

Was möchten Sie einem Menschen sagen, der gerade mitten in einer psychischen Krise steckt? 

Gib nicht auf. Auch wenn du im Moment nicht weisst, wie es weitergehen soll. Es muss nicht alles sofort gut werden. Versuche herauszufinden, was dir wichtig ist, was deine Stärken sind und welcher Weg zu dir passt. Manchmal kommt das Leben ganz anders, als man es sich vorgestellt hat. Auch bei mir sind Türen zugegangen. Aber daraus habe sich andere Wege geöffnet, welche ich nicht für möglich gehalten habe.  

Heute kann ich sagen: Meine Erfahrungen waren nicht umsonst. Ich kann sie nutzen, um anderen Menschen die Hand zu reichen.

 

Text: Joëlle Beeler
Foto: Stephanie Naujoks