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«Ich will mich nicht von Dingen bestimmen lassen»

23. September 2026

Dudelsack und die ferne Sehnsucht Schottland: Wenn Evelyne Studer von den Dingen erzählt, die sie begeistern, ist ihre Lebensfreude spürbar. Gleichzeitig kennt die 58-jährige Mutter Situationen, in denen das Leben enorm herausfordernd war. Seit 2023 bringt sie ihre Erfahrungen als Peer in der Psychiatrie Baselland ein. Dabei will sie nicht zeigen, wie andere leben sollen. Sie möchte vermitteln, dass auch mit Ängsten, Krisen oder Einschränkungen ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben möglich ist. 

Evelyne Studer, was sollten Menschen über Sie wissen, bevor sie wissen, dass Sie Peer sind? 

Ich bin ein grosser Mittelalterfan, spiele etwas Dudelsack und liebe Schottland. Ich hatte lange das Gefühl, dass ich etwas vermisse ohne genau zu wissen, was es ist. Als ich das erste Mal in Schottland war, machte es «klick»: Schottland ist mein Sehnsuchtsort. Ich mag die Landschaft, die Pubs, den Charme und das Mystische. Mit 58 Jahren schaue ich auf bewegte Lebensjahre zurück. 

Ein Thema ist die Angst. Sie war ein früher Begleiter von Ihnen. Wie hat das begonnen? 

Als Kind erlebte ich eine Situation mit einem Mann, die mir grosse Angst machte. Diese Angst entwickelte sich weiter bis zu Panikattacken. Im Laufe meines Lebens kamen weitere belastende Erfahrungen hinzu, die ich meistens für mich behielt. Mit knapp 29 Jahren veränderte dann ein schwerer Arbeitsunfall beim Abladen des Lasters mein Leben grundlegend. Ich war Lastwagenchauffeuse und bin seither querschnittgelähmt.  

In meinem Aufenthalt im Paraplegikerzentrum in Nottwil kam für mich etwas Entscheidendes in Bewegung. Ich vertraute mich einem Pfarrer an. Dieser sorgte dafür, dass ich psychologische Unterstützung wegen meinen Angstzuständen bekam. Das war enorm wichtig für mich. Zum ersten Mal hatte ich einen Ort, an dem ich über all das sprechen konnte, was ich über Jahre in mir getragen hatte. Vieles kam dadurch überhaupt erst zum Vorschein. Ich begann zu verstehen, woher meine Ängste kamen und konnte mich bewusst mit meinen Erfahrungen auseinanderzusetzen. Diese Begleitung hat mir sehr geholfen und war ein wichtiger Teil meines weiteren Weges. 

Ist die Angst heute verschwunden? 

Nein. Und genau das war für mich eine wichtige Erkenntnis: Es muss nicht immer alles verschwinden. Die Angst ist noch da, aber ich kann heute mit ihr umgehen. Wenn ich beispielsweise in den Wald gehe und die Angst kommt, kann ich sie bewusst wahrnehmen und mir sagen: Stopp, es besteht nicht automatisch eine Gefahr. So konnte ich über die Jahre Strategien und kleine Tricks entwickeln, die mir helfen, in solche Situationen hineinzugehen. Für mich bedeutet Genesung deshalb nicht unbedingt, dass etwas vollständig weg ist. Es bedeutet auch, damit das eigene Leben zu gestalten. 

Was hat Ihnen in schwierigen Zeiten geholfen? 

Ich glaube, ich habe eine grosse Portion Widerstandskraft bekommen. Ich bin immer wieder weitergegangen und wollte mich von den Dingen, die mir passiert sind, nicht bestimmen lassen. Fünf Jahre nach meinem Unfall kam meine Tochter auf die Welt. Einer meiner glücklichsten Momente in meinem Leben.  

Gleichzeitig merke ich heute, dass Kraft nicht unbegrenzt vorhanden ist. Als ich jünger war, konnte ich mich nach schwierigen Phasen schneller wieder aufrappeln. Heute dauert manches länger. Auch das gehört für mich dazu: wahrzunehmen, wie viel Energie ich gerade habe und entsprechend auf mich zu achten. 

Wie sind Sie zur Peerarbeit gekommen? 

Meine Psychologin brachte mich auf die Idee. Sie kannte meine Lebensgeschichte und meinte, dass meine Erfahrungen für andere Menschen hilfreich sein könnten. Ich absolvierte eine Peer-Ausbildung und kam für ein halbjähriges Praktikum zur Psychiatrie Baselland. Daraus wurde schliesslich eine feste Anstellung. Heute arbeite ich in der Alterspsychiatrie und auf der Privatklinik. 

Die Arbeit mit gleichaltrigen und älteren Menschen finde ich spannend. Da ist so viel Leben. Es geht in den Gesprächen nicht nur um die Erkrankung. Menschen erzählen von ihren Erfahrungen, Beziehungen, Verlusten und von Dingen, die ihnen wichtig sind. Ich bin für all das da. 

Warum braucht es Peerarbeit in einer psychiatrischen Klinik? 

Eigentlich brauchen wir alle manchmal jemanden, mit dem wir sprechen können. In einer psychischen Krise wird dieses Bedürfnis oft noch stärker. Es kann sehr wichtig sein zu spüren: Da ist jemand, der das aushält. 

Genau das möchte ich geben: Vertrauen und Verständnis für die Situation. Ich kenne schwierige Erfahrungen aus meinem eigenen Leben. Das bedeutet nicht, dass ich genau weiss, wie sich mein Gegenüber fühlt. Aber ich kann bestimmte Dinge nachvollziehen und muss davor keine Angst haben. Das empfinde ich als sehr erfüllend. 

Erzählen Sie den Patientinnen und Patienten Ihre eigene Geschichte? 

Es geht in einem Gespräch nicht um mich, sondern um mein Gegenüber. Darum bin ich zurückhaltend. Manchmal sage ich beispielsweise: «Ja, ich kenne Gewalt.» Mehr braucht es oft gar nicht. Entscheidend ist nicht, was mir im Detail passiert ist, sondern dass die andere Person merkt: Da sitzt jemand, der bestimmte Erfahrungen kennt und darüber sprechen kann. Das unterscheidet meine Rolle auch von anderen Fachpersonen auf der Station. Sie bringen ihr professionelles Wissen und ihre Erfahrung mit. Als Peer darf ich zusätzlich mein persönliches Erfahrungswissen gezielt einsetzen. 

Wann merken Sie, dass eine Begegnung gelingt? 

Manchmal beginnt ein Gespräch gar nicht als Gespräch. Jemand möchte beispielsweise ein Stück gehen und plötzlich fängt die Person an zu erzählen. Mir ist wichtig, dabei glaubwürdig zu sein. Es gibt gewisse Patienten, denen ich mich stärker verbunden fühle. Auch damit muss ich umgehen können. Ich bin ihnen im Gespräch zugewandt, aber ich muss mich gleichzeitig abgrenzen. Wenn ich nach der Arbeit mit dem Auto heimfahre, verschaffe ich mir den nötigen Abstand zum Erlebten.  

Was haben Sie durch die Peerarbeit selbst gelernt? 

Ich habe gesehen, wie viele Menschen einen schweren Rucksack tragen. Das hat auch meinen Blick auf meine eigene Geschichte verändert. Gleichzeitig entwickle ich mich durch die Peer-Arbeit selbst weiter. Ich leite eine Gruppe, bei der ich die Themen und Inhalte immer wieder verändere. Dafür eigne ich mir Neues an, probiere Dinge aus und lerne selbst immer wieder dazu. Peer-Arbeit bedeutet für mich deshalb nicht nur, Erfahrungen weiterzugeben. Es ist auch eine Arbeit, an der ich selbst wachsen kann. 

Was möchten Sie einem Menschen sagen, der gerade mitten in einer psychischen Krise steckt? 

Wenn man mitten in einer Krise steckt, ist es oft schwierig, überhaupt etwas anzunehmen. Man kann einen Satz mit dem Kopf verstehen, aber im Gefühl kommt er noch nicht an.  

Ich möchte trotzdem sagen: Es gibt einen Weg. Vielleicht verschwindet nicht alles. Vielleicht bleibt etwas ein Teil von dir und braucht weiterhin Aufmerksamkeit. Aber du kannst lernen, damit umzugehen. Schau wieder auf dich und die gesunden Anteile in dir. Auch sie brauchen Aufmerksamkeit und Pflege. Eine Erkrankung, eine Angst oder eine Einschränkung ist ein Teil des Lebens, aber sie ist nicht das ganze Leben. 

 

Text: Joëlle Beeler
Foto: Stephanie Naujoks