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Home Treatment: Akutbehandlung in der häuslichen Umgebung

Statt in der Klinik kommt die Behandlung zum Patienten nach Hause: Für die psychiatrische Akutbehandlung bewährt sich die aufsuchende Behandlung zuhause. Faton Sylmetaj, stellvertretender Direktor Pflege, erläutert, was Home Treatment in der Psychiatrie attraktiv macht.

Faton Sylmetaj - das Home Treatment besticht durch das massgeschneiderte und flexible Angebot für Patientinnen und Patienten. Wann entscheidet man sich für eine Behandlung im häuslichen Umfeld? 
Wenn eine intensive psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung nötig ist und eine Alternative zu einem stationären Aufenthalt in der Klinik gewünscht wird, kann die Behandlung im häuslichen Umfeld eine hilfreiche Option darstellen. Voraussetzung hierfür ist, dass die Wohnsituation der betroffenen Person nicht belastend ist und alle im gleichen Haushalt lebenden Personen einverstanden sind mit den Besuchen der Fachpersonen. Bei einer unmittelbaren Gefährdungssituation wie beispielsweise einem Delir – also einer akuten Verwirrtheit – oder einem komplizierten Entzug, die ein engmaschiges Monitoring notwendig machen, erfolgt die Behandlung innerhalb der Institution wie dem Spital oder Klinik.

Welche Patientengruppen profitieren besonders von diesem Behandlungsmodell? Und welche weniger?
Besonders profitieren Menschen, die trotz Leidensdruck und Behandlungswunsch nicht in die Klinik kommen können oder möchten. Etwa Eltern mit kleinen Kindern oder Menschen mit häuslichen Verpflichtungen. Auch wer im vertrauten Umfeld besser zur Ruhe kommt, ist mit dieser Art der Behandlung gut beraten. 

Im Home Treatment betreten Sie als psychiatrisch-psychotherapeutische Fachperson die privaten Räumlichkeiten der Patientinnen und Patienten. Verändert das auch ihre Berufsrolle?
Ja, das tut es. Wir verlassen die institutionellen Strukturen und die multiprofessionellen Teams und stehen in den privaten Räumlichkeiten. Hier haben wir keine Klinikhausordnung, welche das Miteinander regelt. Wir klingeln zur vereinbarten Zeit und warten an der Haustür, dass uns geöffnet wird. 

Faton Sylmetaj, wie erleben Sie die psychiatrische Arbeit, wenn Gespräche am Küchentisch oder im Wohnzimmer stattfinden? 
Unsere Ausbildung befähigt uns eine professionelle Beziehungsgestaltung unabhängig vom Setting aufzubauen. Es ist für die besprochenen Inhalte egal, ob dies auf einem Küchenstuhl oder Wohnzimmersofa geschieht. Die vertraute Umgebung kann für die besuchte Person hilfreich sein, da sie Sicherheit bieten kann. Das Selbstwirksamkeitsgefühl kann gefördert werden. Ohnmachtsgefühle können abgebaut, Schamhürden reduziert und Resilienz kann im vertrauten Umfeld aktiviert werden.

Welcher Vorteil für die Behandlung entsteht durch den Hausbesuch? 
Wir tendieren dazu unsere Umgebung zu gestalten, ob es das eigene Zimmer in der Wohnung der Eltern ist, eine WG oder aber auch das zugewiesene Patientenzimmer, während der stationären Behandlung. Der Spielraum der Gestaltung nimmt allerdings in der Klinik deutlich ab.
In der häuslichen Umgebung erhalten wir einen unmittelbaren Einblick, wie der Alltag gestaltet wird, wie die Wohnsituation ist und welcher konkrete Unterstützungsbedarf im Rahmen der Behandlungsplanung besteht. Insofern erlaubt die Umgebungsgestaltung und Alltagsorientierung eine bessere Individualisierung der evidenz-orientierten Behandlungsstrategien. 

Wie gehen Sie damit um, dass im häuslichen Umfeld Dinge wahrgenommen werden, die nicht direkt Teil des psychiatrischen Problems sind, aber die Genesung beeinflussen? 
In der Medizin und damit auch in der Psychiatrie gehen wir von einem sogenannten bio-psycho-sozialen Modell aus. Das bedeutet, dass verschiedene Faktoren unter anderem auch psychosoziale Faktoren berücksichtigt werden. Home Treatment ist ein medizinisches Angebot, welches sich von der pflegerischen Spitex, der Sozialberatungsstelle oder der Wohnbegleitung in häuslicher Umgebung abgrenzt. Geldsorgen, Einsamkeit, Konflikte oder schwierige Wohnverhältnisse können die Genesung beeinflussen. Wo soziale Unterstützung nötig ist, beraten wir und verweisen bei Bedarf auf die entsprechenden Fachpersonen.

Auch Angehörige können in die Therapie im Home Treatment einbezogen werden. Wie erleben Sie diese Zusammenarbeit? Wird das Ganze komplexer oder bringt es Erleichterung im Genesungsprozess?
Angehörige haben immer die Möglichkeit sich losgelöst von der Akutbehandlung im Rahmen von der Organisation «stand by you» Beratung und Unterstützung zu holen. Im Rahmen der Home Treatment-Behandlung und wenn alle Beteiligten damit einverstanden sind, ist ein Einbezug der Angehörigen möglich und kann durch den Perspektivwechsel wichtige Aspekte ergänzend einbringen. Wenn Angehörige belastet sind, kann das die Situation komplexer machen. Deshalb klären wir gemeinsam, wer welche Rolle übernimmt und wo es Entlastung braucht.

Braucht es für Home Treatment ein anderes Verständnis von psychiatrischer Behandlung als bisher? 
Inhaltlich nicht, wir behandeln nach denselben fachlichen Standards. Organisatorisch und strukturell gibt es Unterschiede. Wir denken weniger in Klinikstrukturen, sondern orientieren uns am Alltag der Menschen, die wir behandeln. Das verlangt mehr Flexibilität vom Behandlungsteam, sicherheitsfördernde Interventionen und eine enge Zusammenarbeit im Team, mit den Patient*innen und mit dem Umfeld der behandelten Person.

Wo sehen Sie die grössten Entwicklungsmöglichkeiten?
Die Psychiatrie entwickelt sich weiter mit neuen Modellen, in Richtung «präventiv - niederschwellig - ambulant». Die Zeit der Anstalten und jahrelangen Aufenthalte ist vorbei. Die Teilhabeförderung und Alltagsbegleitung erhält mehr Gewicht. Vorurteile werden abgebaut und durch rechtzeitige und wirksame Interventionen ersetzt, so dass Chronifizierung durch zu spät einsetzende Hilfe vermieden wird.
Eine Individualisierung und Personenzentrierung, wie sie beispielsweise im Home Treatment möglich ist, birgt die Chance Stigmatisierung abzubauen und evidenzbasierte Behandlungen erfolgreich anzuwenden, ganz nach dem Motto «evidenz -und wertebasiert» statt «one size fits all».
Angesichts der Entwicklungen im Bereich der psychischen Gesundheit kann das Home Treatment-Angebot auch sehr interessant für junge Erwachsene sein, die vielleicht den Schritt in die Klinik meiden wollen, aber gleichwohl einen Veränderungswunsch bei bestehendem Leidensdruck haben und Hilfe suchen 

Text: Joëlle Beeler, 1. September 2026

Das Home Treatment-Angebot existiert seit 2022 in der Erwachsenenpsychiatrie der Psychiatrie Baselland. Es wurde unter der Schwerpunktleitung von PD Dr. med. Anastasia Theodoridou – Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie – und Faton Sylmetaj – stellvertretender Pflegedirektor – konzeptualisiert und implementiert. Das multiprofessionelle Team setzt im Klinikalltag federführend eine leitlinienorientierte Behandlung individualisiert um.
Home Treatment zielt darauf ab, Patientinnen und Patienten in der häuslichen Umgebung gleichwertig zur stationären Behandlung, evidenz- und wertebasiert zu behandeln. Angehörigenarbeit und Selbsthilfeangebote können das Angebot ergänzen, sofern dies gewünscht wird.
Während einer Behandlung im Home Treatment kann das gesamte Therapieangebot der PBL (Standort Liestal) genutzt werden, wozu zum Beispiel Ergo- und Aktivierungstherapien, Physio- und Sporttherapie, Gesprächsgruppen und weitere psychosoziale Angebote gehören. 
Das Angebot steht volljährigen Personen mit Wohnsitz im Kanton Baselland offen. Die Aufnahme erfolgt freiwillig und setzt das Einverständnis der volljährigen Mitbewohnenden voraus. Die Anmeldung läuft über die Zentrale Aufnahme. 

Leitung
Cynthia von Rohr
Pflege
Erwachsenenpsychiatrie
 Home Treatment
Faton Sylmetaj
Stv. Pflegedirektor
Pflegerische Leitung
Schwerpunkt Krisenintervention
 Liestal
PD Dr. med.
Anastasia Theodoridou
Chefärztin
Schwerpunkt Krisenintervention
 Liestal
Kontakt

Psychiatrie Baselland
Home Treatment
Bienentalstrasse 7
Postfach 599
4410 Liestal

T: +41 61 553 56 56