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Gut 150 Fachpersonen haben an der ersten Psychosetagung der Kinder- und Jugendpsychiatrie Baselland diese schwerwiegende und für die Prognose teils problematische psychische Erkrankung diskutiert. Psychosen können im chronischen Verlauf zu einer Berufsunfähigkeit führen. Die Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Brigitte Contin, zeigte sich als Gastgeberin sehr zufrieden mit dem Anlass.

Liestal, 18. Oktober 2019

 

Psychosen fordern Ärztinnen und Ärzte, Psychologen und weitere Fachleute heraus, wie kaum eine andere psychische Erkrankung. Sie gehören mit ihrem Realitätsverlust bei den Betroffenen zu den besonders problematischen Erkrankungen in der Psychiatrie. Die Schizophrenie und andere psychotische Störungen figurieren unter den häufigsten Invaliditätsursachen bei jungen Erwachsenen.  

Wissenschaftler zum Austausch eingeladen

Aufgrund vieler Herausforderungen der Psychose an Diagnostik und Therapie hat die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrie Baselland (KJP BL) zum ersten Psychosetag nach Liestal eingeladen. Gut 150 Besucherinnen und Besucher waren gekommen, um von erfahrenen Referierenden neuste Erkenntnisse zu erfahren. Psychosen machen nur einen kleinen Teil der KJP-Therapien aus: Von 2015 bis 2018 sind bei 73 Patientinnen und Patienten eine Psychose diagnostiziert worden. Allein bei den stationären Patienten lag der Anteil bei 6,2 Prozent aller Diagnosen (von Alter 13 bis 19 Jahre).

Erfahrungen aus der Spezialsprechstunde

Das Eröffnungsreferat hielt der Psychiater und Privatdozent Jochen Kindler von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Bern. Er sprach über neue, für die Psychosen wichtige genetische Befunde aus Studien, die auch im Immunsystem von Patienten Hinweise auf eine Psychose gezeigt haben. Das bietet neue Möglichkeiten für die Therapie.

Privatdozent Andor Simon von der Psychiatrie Baselland ist Ärztlicher Leiter der Spezialsprechstunde Bruderholz für psychotische Frühphasen, die seit 2002 angeboten wird. Bisher sind 830 Jugendliche und junge Erwachsene abgeklärt worden. Andor Simon zeigte, dass Abklärungen, die sich ausschliesslich auf Fragebogen abstützen, bestenfalls erfassen können, ob bestimmte Symptome vorliegen oder nicht. Über Ursachen und Bedeutung von Symptomen lässt sich durch diese Herangehensweise nichts aussagen.

Dazu ist es unentbehrlich, die frühen Familienverhältnisse der Patienten und deren sogenannten innerpsychischen Strukturen zu erfassen, um so die eigentliche „Gestalt“, also die Ursachen und die Bedeutung von Symptomen, exakt zu verstehen. Dadurch ist in der langjährigen Arbeit in der Spezialsprechstunde Bruderholz deutlich geworden, dass bei der überwiegenden Anzahl der Patientinnen und Patienten, bei denen ein Psychoserisiko vermutet wurde, ein solches ausgeschlossen werden konnte, sodass die Abklärungen am häufigsten zum Ausschluss dieser psychischen Fehlentwicklung führen.

Früherkennung und Erwartungen an die Therapie

Wie kann eine Psychose verhindert werden, wenn es erste Anzeichen dafür gibt? Über Risikosymptome, den aktuellen Stand der Früherkennung sowie Behandlungsmöglichkeiten von ersten Symptomen referierte Stefanie Schmidt, Assistenzprofessorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Bern. Markus Hanke ist Oberarzt bei den Universitären Psychiatrischen Diensten Bern (UPD) und leitet eine Spezialstation für komplexe psychotische Störungsbilder in Spiez. Er sprach über psychopathologische Betrachtungs- und Einschätzungsmöglichkeiten psychotischer Erkrankungen; das heisst, wie bestimmte Veränderungen des Erlebens, des Verhaltens oder der Persönlichkeit eines erkrankten Menschen Hinweise auf einen bestimmten Typ einer Psychose geben. Dies belegte er anhand von Videobeispielen eigener Patientinnen und Patienten.

Über seine Erfahrungen in der Therapie und den Erwartungen der Patienten referierte Walter Gekle, Chefarzt und stellvertretender Direktor des Zentrums Psychiatrische Rehabilitation der UPD sowie Chefarzt der Soteria Bern. In dieser Institution werden junge, an einer akuten Psychose erkrankte Menschen mittels eines integrierten Ansatzes behandelt. Ein Schwerpunkt seiner Ausführungen war der Milieutherapie im offenen Rahmen unter Einbezug des sozialen Umfeldes gewidmet.

"Meine Schizophrenie" – Erfahrung eines Betroffenen

Spezieller Gast an der Tagung war Klaus Gauger, promovierter Germanist aus Freiburg i.Br. Er ist Autor des preisgekrönten Buches "Meine Schizophrenie" (erschienen im Herder-Verlag), in welchem er in schonungsloser Offenheit die Geschichte seiner Krankheit erzählt. Er zeigte an seinem Fall die Struktur und den Verlauf dieser oft verstörend und rätselhaft wirkenden psychischen Erkrankung auf und beleuchtete kritisch den Aspekt der Zwangsbehandlung bei mangelnder oder fehlender Krankheitseinsicht, die sich bei Psychosen typischerweise findet.

Erfreuliches Fazit und ein 25-Jahre-Jubiläum

Brigitte Contin zeigte sich als Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrie Baselland sehr zufrieden mit der Tagung. "Besonders freut es mich, dass soviele Ärztinnen und Ärzte, Psychologen und andere Fachpersonen aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie gekommen sind. Das zeigt, wie wichtig es ist, dass wir der Psychose mit ihren teils schweren Folgen für Betroffene, Angehörige und das weitere Umfeld die nötige Aufmerksamkeit schenken".

Die Tagung war auch ein ehrenvoller Tag für die Gastgeberin Brigitte Contin. Sie ist vor ziemlich genau 25 Jahren als Assistenzärztin in die Kinder- und Jugendpsychiatarie eingetreten, wurde später Oberärztin, 2012 Chefärztin und im Oktober 2014 Direktorin. Die Musiker Klaus Simon (Piano) und Philipp Schiemenz (Cello) spielten als feierliche Einlage der Tagung zwei Stücke der jugendlichen Komponisten Merlin Fischer (Jahrgang 2005) und Claudius Merz (Jahrgang 2001).