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Studie über Medikamentenversuche zwischen 1950 und 1980

Wie viele andere Psychiatrische Kliniken hatte auch die Psychiatrie Baselland ihren Patientinnen und Patienten nicht oder noch nicht zugelassene Arzneimittel verabreicht. Dabei handelte es sich auch um Medikamentenversuche. Eine Pilotstudie der Universität Zürich hat ergeben, dass zwischen 1953 und 1972 solche Testpräparate verschrieben wurden.

14. Juni 2019

Eine Pilotstudie der Universität Zürich kommt zum Schluss: Von 263 durchsuchten Krankenakten der Psychiatrie Baselland (PBL) zwischen 1953 und 1972 konnten 28 identifiziert werden, bei denen mindestens ein Präparat ohne Handelsnamen verabreicht worden ist. Das ergibt rund zehn Prozent Patientinnen und Patienten, denen in dieser Zeit Testpräparate verschrieben wurden. Im Durchschnitt lediglich zwei Prozent der Patienten waren betroffen, wenn die zufällig ausgewählten Stichjahre 1957, 1962, 1967, 1972 und 1977 ausgewertet werden. Daraus schliessen die Forschenden, dass die Versuche in der PBL ungleich über die Jahre verteilt waren. Viele Arzneimittel wurden sehr kurz vor ihrer Zulassung getestet.

In einer Untersuchung über Medikamentenversuche in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich schätzen die Studienautoren den Anteil der Patienten, die in Medikamentenversuche involviert waren, auf eine mittlere einstellige Prozentzahl. Diese Schätzung dürfte auch für die PBL zutreffen, schreiben die Medizinhistoriker Prof. Flurin Condrau und Marina Lienhard von der Uni Zürich, welche die PBL-Pilotstudie verfasst haben.

Medikamentenversuche ohne Zustimmung der Patienten

Nicht finden konnten die Historiker Hinweise darauf, ob vor den Arzneimittelversuchen die Zustimmung des Patienten oder von dessen Angehörigen eingeholt wurde. Das war allerdings auch bei Therapien mit Standardmedikamenten nicht der Fall. Traten gravierende Nebenwirkungen auf oder zeigten die Arzneien keine Wirkung, wurden die Versuche in der Regel abgebrochen. Die Ärzte, heisst es in der Pilotstudie, "scheinen also ihre Verantwortung für das Wohl des Patienten oder der Patientin ernst genommen zu haben." 

Historischer Kontext versus heutige Massstäbe

Die Grenzen zwischen Versuchs- und Standardpräparaten seien zu Beginn des Untersuchungszeitraums fliessend gewesen, geben die Studienautoren zu bedenken. Prinzipiell sei es nicht ratsam, die Praxis der Akteure im Untersuchungszeitraum 1950 bis 1980 an heutigen Massstäben zu messen. Die Ereignisse müssten in ihrem historischen Kontext betrachtet werden. Für die Pilotstudie werteten die Medizinhistoriker 263 vor 1980 angelegte Krankenakten aus. Forschungsunterlagen fehlen vollständig. Hinweise zu Medikamentenversuchen wurden auch in Jahresberichten, Referatsnotizen und Publikationen gefunden.

Aufarbeitung der eigenen Geschichte

Angestossen wurde die Pilotstudie der Universität Zürich von PBL-CEO Hans-Peter Ulmann. Ausschlaggebend waren zahlreiche Medienberichte über Medikamentenversuche früherer Jahrzehnte in verschiedenen psychiatrischen Kliniken der Schweiz. Erste Untersuchungen hat Hans-Peter Ulmann bereits für das Buch "Man geht hinein, um wieder herauszukommen" veranlasst. Diese Geschichte der Psychiatrie Baselland ist 2017 herausgekommen und enthält zahlreiche Hinweise auf Medikamentenversuche.

Kontakt

- Hans-Peter Ulmann, CEO Psychiatrie Baselland, T 061 553 50 02, hans-peter.ulmann(at)pbl.ch
- PD Dr. med. Matthias Jäger, Direktor Erwachsenenpsychiatrie, T 061 553 51 02, matthias.jaeger(at)pbl.ch
- Thomas Lüthi, Leiter Kommunikation Psychiatrie Baselland, T 061 553 50 11, thomas.luethi(at)pbl.ch