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«Ich habe im Gesundheitswesen meine berufliche Heimat gefunden»

1. März 2026

Vom Bankenwesen ins Gesundheitswesen, von der Bankberaterin zur CEO der Psychiatrie Baselland: Ein Gespräch zum Internationalen Frauentag mit Barbara Schunk über Führung, Verantwortung und den Mut, die Komfortzone zu verlassen.

Barbara Schunk, Sie sind als Bankberaterin in den 90er Jahren ins Berufsleben gestartet. Ungefähr alle 5 Jahre haben Sie eine neue Herausforderung angenommen. Wie bewusst haben Sie Ihre Karriere geplant?
Ehrlich gesagt: kaum. Rückblickend ist ein gewisser Rhythmus sichtbar, geplant war das aber nicht. Viele meiner Entscheidungen entstanden aus der jeweiligen Lebenssituation heraus. Nach dem Studium startete ich meine Karriere bei der Bank. Vor 30 Jahren war die Bankenwelt nicht bereit für junge Mütter. Teilzeitmodelle oder Betreuungsangebote gab es damals praktisch nicht. Für mich war aber klar, dass ich Familie und Beruf verbinden wollte.

 

Sie haben sich selber immer wieder nach neuen Entwicklungsmöglichkeiten umgeschaut. Was war Ihnen bei der Wahl Ihrer Arbeit wichtig?
Wenn ich nach neuen Herausforderungen suchte, schaute ich, dass ich an einem Ort bin, wo ich mich mit der Aufgabe und dem Arbeitgeber identifizieren konnte. Dabei hatte ich kein bestimmtes Vorbild, sondern habe jeweils das gewählt, was für mich und mein Umfeld stimmig war.

 

Was hat Sie 2009 zum Wechsel ins Gesundheitswesen bewogen?
Die Initialzündung kam von aussen. Die Finanzkrise 2008 führte zu massiven Umbrüchen im Bankensektor. Für mich war klar, dass ich mich neuorientieren musste. Deshalb habe ich mich sehr breit beworben und bekam eine Anstellung mit Entwicklungspotential bei den Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG). Es herrschte Aufbruchstimmung. Innerhalb kurzer Zeit konnte ich als Leiterin des Unternehmensstabes neue Strukturen aufbauen, Strategiearbeit leisten und die Kommunikation und das Qualitätsmanagement entwickeln. Diese Aufgaben, kombiniert mit gesellschaftlicher Relevanz, haben mich nachhaltig geprägt. Plötzlich ging es nicht mehr primär um Zahlen, sondern um Menschen. Dieser Schritt war wichtig für mich: Ich hatte damit im Gesundheitswesen meine berufliche Heimat gefunden.

 

2019 wurden Sie als Ökonomin CEO der Psychiatrie Baselland. Was bedeutet für Sie wirksame Führung in einem so komplexen Umfeld wie dem Gesundheitswesen?
Zentral ist für mich immer wieder die Frage: Für wen und wofür sind wir da? Im Gesundheitswesen steht der Mensch im Mittelpunkt. Gleichzeitig bewegen wir uns in der Psychiatrie in einer ausgeprägten Expertenorganisation. Führung bedeutet hier nicht, alles selbst besser zu wissen, sondern klare Ziele und Leitplanken zu setzen, damit alle arbeiten und wirken können. Zudem ist Vertrauen entscheidend. Es braucht einen Dialog, fachliche Tiefe und gegenseitigen Respekt. Führung heisst für mich, Orientierung geben und gleichzeitig unterschiedliche Perspektiven zusammenführen, damit alle in dieselbe Richtung ziehen.

 

Gab es Momente, in denen Sie besonders stark für Ihre Überzeugungen einstehen mussten?
Solche Momente gibt es immer wieder; etwa bei schwierigen Personalentscheiden oder in finanziell angespannten Situationen. Als CEO zerren viele Interessen gleichzeitig an einem. In solchen Situationen hilft mir die Rückbesinnung auf meine Rolle: Ich vertrete die Interessen des gesamten Unternehmens. Und dann stelle ich mir die Frage: Was ist langfristig das Richtige? Diese Klarheit schafft mir Distanz und ermöglicht tragfähige Entscheidungen für das Grosse und Ganze.

 

Laut einer neusten Studie vom Beratungsunternehmen PWC hat die Schweiz beim Thema Gleichstellung weiterhin Nachholbedarf. Verändert das Ihren Blick auf Verantwortung?
Aus meiner Sicht sollten in erster Linie Leistung und Haltung im Vordergrund stehen und nicht das Geschlecht. Gleichzeitig bin ich mir meiner Verantwortung bewusst und weiss, dass Strukturen entscheidend sein können: Flexible Modelle, Entwicklungsmöglichkeiten und Vertrauen machen für die Mitarbeitenden einen Unterschied. Und das nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer.

 

Sie sind seit fast sieben Jahren CEO der PBL. Welche strukturellen Herausforderungen sehen Sie aktuell?
Die vergangenen Jahre waren stark von Transformation geprägt: baulich, organisatorisch und strategisch. Mit grossen Infrastruktur-Projekten ging auch die Frage einher: Wie stellen wir uns intern und extern zukunftsfähig auf? Welche Projekte priorisieren wir? Wo wollen wir in fünf Jahren stehen? Diese grosse Transformation wird mit der Eröffnung vom Haus Biental für den Moment abgeschlossen sein. Veränderungen werden die PBL aber auch in Zukunft begleiten.

Eine zentrale Herausforderung bleibt das finanzielle Gleichgewicht zwischen steigenden Anforderungen und begrenzten Mitteln. Verhandlungen mit Kostenträgern und dem Kanton werden uns weiter beschäftigen.

 

Welchen Rat geben Sie jungen Frauen mit Führungsambitionen?
Eine Frau muss bereit sein, die Komfortzone zu verlassen ohne vorher genau zu wissen, was kommen wird. Das bedeutet unter anderem, vertraute Menschen und Strukturen hinter sich lassen. Ich stehe selbst wieder vor einem solchen Schritt. Und ich bin schon gespannt, was mich erwartet. Entscheidend ist das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Auch komplexe Aufgaben sind bewältigbar. Wer gestalten will, muss Verantwortung übernehmen. Nicht jammern, sondern anpacken. Manchmal lohnt es sich, den Sprung zu wagen und unterwegs zu wachsen. Nur Mut!

Text: Joëlle Beeler; Foto: Martin Friedli