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Die meisten Massenmorde sind Familientragödien

 

Liestal, 15. November 2019

Die Psychiatrie Baselland hat 33 Massenmorde in der Schweiz zwischen 1972 und 2015 untersucht:  Alle Täter bis auf eine Frau waren Männer, die meisten davon Schweizer, verheiratet und sie hatten Familienkonflikte. Ein Drittel zeigte schon als Kind Verhaltensauffälligkeiten.

Andreas Frei ist als Leiter der Fachstelle Forensik der Psychiatrie Baselland (PBL) in den offiziellen Ruhestand getreten, bleibt aber in einem Teilzeitpensum weiterhin als Leitender Arzt beschäftigt. Zum Abschied hat er Berufskolleginnen und -kollegen, Vertreter aus Behörden und Justiz sowie andere Fachleute zu einer Tagung nach Liestal geladen. Thema waren die Risikoabschätzung und das Risikomanagement in der forensischen Psychiatrie. Je besser diese Risiken zu erfassen sind, desto stärker kann die forensische Psychiatrie dazu beitragen, Tötungsdelikte zu verhindern.

Andreas Frei im Gespräch mit einem Tagungsteilnehmer.

Familientragödien enden meist mit Suizid des Täters

Ein wichtiger Schritt in der Prävention ist es, die Täter und ihre Motive zu analysieren. Dazu haben Andreas Frei und die Psychologin Andrea Ilic, die in der PBL ein Praktikum absolvierte, die Akten von 33 Massenmorden zwischen 1972 und 2015 untersucht. Als Massenmord gilt ein Tötungsdelikt, das neben dem Täter mindestens drei Todesopfer fordert. Die beiden Forschenden fanden heraus, dass mehr als die Hälfte der analysierten Massenmorde (18 von 33) auf Familientragödien fielen, wobei sich der Täter in den allermeisten Fällen anschliessend das Leben nahm.  

Die Mehrzahl dieser Täter litten unter Persönlichkeitsstörungen und offenbarten suizidale Tendenzen, ohne dass sie aber in psychotherapeutischer Behandlung waren. Etwa ein Drittel war zuvor in einer längeren Therapie. In wenigen Fällen, sagte Andreas Frei, "verübten die Täter den Massenmord, nachdem sie aus einer stationären Therapie entlassen worden waren".

Der Grossteil der Täter stand unmittelbar vor der Tat in psychosozialen Konflikten, etwa im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt. "Oft waren sie durch eine persönliche Kränkung zu ihrer Tat motiviert", sagte Andrea Ilic vor den rund 100 Teilnehmenden der Tagung. Auslöser waren etwa der Verlust des Arbeitsplatzes, Beziehungsprobleme oder Nachbarschaftsstreit.

Viele Familientragödien – kaum Armeewaffen

Massenmorde fallen in der Schweiz zu 43 Prozent auf Familientragödien. Dieser Anteil ist sehr hoch im Vergleich zu anderen Ländern. In Spanien etwas sind es nur 18 Prozent und in den USA sogar nur 14 Prozent. Armeewaffen spielten bei den Tötungsdelikten gemäss der Studie kaum eine Rolle. Die meisten Massenmorde wurden mit privaten Schusswaffen verübt (61 %), eine Militärwaffen war nur in einem einzigen Fall das Tatwerkzeug. Weitere 18 Prozent der Morde wurden durch Erwürgen vollzogen. Rund ein Viertel der Täter war zur Tatzeit alkoholisiert.

Verhaltensauffällig in Kindheit und Jugend

Bei rund der Hälfte der 33 untersuchten Massenmorde planten die Täter ihr Delikt in der vollen Absicht, sich anschliessend selbst das Leben zu nehmen. Die meisten der Fälle betrafen verheiratete Täter, die zwischen 36 und 65 Jahre alt waren, Schweizer Bürger (64 %) und keine Vorstrafen hatten. Zu den psychologischen Merkmalen gehört, dass ein Drittel der Täter als Kind oder Jugendlicher verhaltensauffällig war; ebenfalls ein Drittel hatte Missbrauchserfahrungen. Fast alle Delinquenten waren eingebunden in ein soziales Netzwerk, wobei sich 42 Prozent von ihnen als sozial an den Rand gedrängt wahrgenommen haben.  

Bedrohungsmanagement aus der Praxis

Über ihre Erfahrungen mit bedrohlichen Situationen im Bereich häuslicher Gewalt berichtete Andrea Wechlin, ehemalige Leiterin der "Interventionsstelle Häusliche Gewalt" und Co-Leiterin des Frauenhauses in Luzern. Sie ist Direktorin der Justizvollzugsanstalt Grosshof Luzern und nebenbei Präsidentin der „Associaton of European Threat Assessment Professionals“.

Birgit Völlm ist Direktorin der Klinik für Forensische Psychiatrie und Professorin an der Universität Rostock. Sie erzählte über Risiken und Erfolge ambulanter forensisch-psychiatrischer Behandlung und ihren Erfahrungen beim Einrichten einer forensischen Ambulanz in Mecklenburg-Vorpommern, Deutschlands "Wildem Osten". Über Bedrohungsmanagement und Prävention von Amoktaten berichtete Jens Hoffmann, Gründer des Instituts für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt.

Neue Leiterin der Fachstelle Forensik

Die Fachstelle Forensik der PBL gibt es seit 2013, wobei schon vorher forensisch-psychiatrische Gutachten angefertigt wurden. Die Fachstelle hatte ihr Tätigkeitsfeld 2015 ausgeweitet und ist 2018 auch personell gewachsen. Seit 1. November 2019 wird sie von der Leitenden Ärztin Simone Hänggi geführt.