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Psychische Probleme können vor allem bei Kindern und Jugendlichen dazu führen, dass sie sich selbst verletzen. Oder sie denken sogar daran, sich das Leben zu nehmen. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrie Baselland behandelt Betroffene mit wirksamen Therapien.

Anne-Kathrin Ettl hat mit besonders schweren Fällen zu tun. Die Oberärztin und Psychiaterin therapiert Kinder und Jugendliche in akuten psychischen Krisen. Zu ihnen gehörte Mia, die notfallmässig in die Klinik der Psychiatrie Baselland in Liestal eingewiesen wurde. Die 17-Jährige wollte aus dem Leben scheiden und hatte dazu Tabletten geschluckt.

Anspannung führt zu Kurzschlusshandlung

Schon länger litt Mia an psychischen Belastungen und war aufgrund einer Depression seit einiger Zeit in ambulanter Behandlung. Sie wurde in der Schule gemobbt, ihre Leistungen liessen nach. Und als sie eines Tages auch noch Streit mit ihrer besten Freundin hatte, wurden die Anspannungen zu gross: Mia griff zu den Tabletten. Nach der Notfallbehandlung im Universitäts-Kinderspital beider Basel kam sie in die Psychiatrie.

Eine andere Patientin von Anne-Kathrin Ettl, Angelika, erlebte ständig Stimmungsschwankungen. Oft fühlte sie sich leer und wertlos. Kurze Entlastungen spürte die 16-jährige Schülerin, indem sie sich mit einer Rasierklinge an den Unterarmen verletzte. Auch Angelika fühlte sich, wie Mia, von ihrer Umgebung nicht verstanden; etwa alle zwei Wochen, wenn die Anspannung unerträglich wurde, griff sie zur Klinge.

Linderung durch Schmerz

Mia und Angelika sind junge Menschen, wie es sie leider nicht selten gibt: Sie hoffen, ihre psychischen Probleme zu lindern, indem sie sich Schmerzen zufügen. Einige machen auf ihre Not aufmerksam, indem sie versuchen, aus dem Leben zu scheiden. "Oft steht aber nicht wirklich die Absicht dahinter, sterben zu wollen", sagt Anne-Kathrin Ettl. "Diese Jugendlichen wollen weiterleben, aber eben nicht so".

Hoher Anteil Jugendlicher mit Selbstgefährdung

Selbstverletzendes Verhalten beginnt meist im Alter zwischen 12 bis 14 Jahren, in manchen Fällen schon früher, und nimmt im jungen Erwachsenenalter meist wieder ab. Etwa 15 Prozent der Jugendlichen, zeigen Studien des Psychiatrieprofessors Paul Plener von der Universitätsklinik Ulm, fügen sich einmal in ihrem Leben eine Verletzung zu, etwa vier Prozent tun es wiederholt. Laut anderen Quellen verletzt sich etwa ein Viertel der jungen Menschen bis zum 18. Lebensjahr mindestens einmal selber. Die häufigste Art der Selbstverletzung ist das Ritzen mit einer Rasierklinge, Glasscherbe oder einem anderen scharfen Gegenstand.

Bei den Suizidgedanken oder -versuchen (Suizidalität) sind die Zahlen noch alarmierender: Bei einer – allerdings schon etwas älteren – Studie der Universität Fribourg im Uechtland gaben 23 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler im Alter von 12 bis 17 Jahren an, schon einmal an einen Suizid gedacht zu haben; acht Prozent sagten, sie hätten bereits einen Suizidversuch unternommen.

Das Forum für Suizidprävention und Suizidforschung Zürich schreibt, dass sogar etwa 50 Prozent der Menschen in der Schweiz in Befragungen angegeben hätten, im Laufe des Lebens an einen Suizid oder Suizidversuch gedacht zu haben.

Anteil von suizidalen Menschen gestiegen

Der Anteil der Menschen mit Suizidgedanken sei in den letzten Jahren gestiegen, schreibt das Schweizerische Gesundheitsobservatorium in ihrem Bulletin vom Juli 2019: Fast acht Prozent der Schweizer Bevölkerung hat in einer Befragung angegeben, mindestens einmal im Verlauf der letzten zwei Wochen vor der Befragung Suizidgedanken gehabt zu haben. Bei den 15- bis 24-jährigen Männern waren es 10,2 Prozent, bei den Frauen der gleichen Altersgruppe 9,0 Prozent.

Risikofaktoren und psychische Erkrankungen

Zu den Risikofaktoren für selbstverletzendes Verhalten gehören allgemeiner psychischer Stress, depressive Symptome, emotionale oder körperliche Misshandlungen, Mobbing oder Internetkonsum. Zudem sind häufiger Mädchen als männliche Kinder und Jugendliche betroffen. Sehr oft sind selbst verletzende junge Menschen psychisch erkrankt; ein Grossteil leidet an einer Depression, viele an sozialen Phobien, posttraumatischen Belastungsstörungen oder Persönlichkeitsstörungen. Ähnliche Risikofaktoren spielen bei der Suizidalität von Jugendlichen eine Rolle.

Suizidal erscheinende Menschen darf man nie alleine lassen.

Dr. med. Anne-Kathrin Ettl, Oberärztin der Akutabteilung für Jugendliche der Psychiatrie Baselland, Liestal.

Auslöser für Suizidgedanken

Kränkungen, Mobbing, Verlustängste, Konflikte, Liebeskummer, Suizidversuche in der näheren Umgebung und andere Gründe können bei Jugendlichen Suizidgedanken auslösen. Es sind oft alltägliche Probleme, die ihnen unüberwindlich vorkommen und sie komplett überfordern. Sie lösen Wut und Verzweiflung aus und führen schliesslich zu Kurzschlusshandlungen.

Vielversprechende Therapien

Die Therapie von suizidalen Patientinnen und Patienten mit selbstverletzendem Verhalten dauert oft sehr lange. Kurzfristig gilt es, die seelische Anspannung abzubauen. Bei Mia, sagt Anne-Kathrin Ettl, habe ein stationärer Aufenthalt von fünf Tagen gereicht, um die akute Krise aufzufangen und die Situation zu entlasten. Die Schülerin konnte bald wieder aus der Klinik entlassen und ambulant bei ihrer Therapeutin weiterbehandelt werden.

Nachhaltig ist eine Therapie aber erst dann, wenn auch die psychosozialen Ursachen der psychischen Erkrankung angegangen werden. Darum sind Gespräche mit den Eltern wichtig, mit den Lehrkräften bei Problemen in der Schule, mit Freundinnen und Freunden und anderen Bezugspersonen. "Suizidal erscheinende Menschen darf man nie alleine lassen", sagt Kinder- und Jugendpsychiaterin Anne-Kathrin Ettl, "und es ist wichtig, professionelle Hilfe beizuziehen".

Geschützte Umgebung in der Akutstation für Jugendliche

In der Akutstation für Kinder und Jugendliche nimmt die Psychiatrie Baselland in Liestal gefährdete Patientinnen und Patienten auf, die den Schutz einer geschlossenen Abteilung brauchen. Sie werden von einem Team therapeutisch und sozialpädagogisch betreut, wobei jeder Patient eine Bezugsperson aus der Pflege zugeteilt bekommt. Die Eltern oder die ganze Familie der Jugendlichen werden in die Behandlung einbezogen.

Bereits in der Akutbehandlung in Liestal werden Methodenelemente aus verschiedenen Psychotherapierichtungen eingesetzt, so etwa aus der Dialektisch-Behavioralen Therapie für Adoleszente (DBT-A). Die Wirksamkeit der DBT-A ist wissenschaftlich nachgewiesen und hilft den jungen Patientinnen und Patienten, mit ihren Gefühlen umzugehen und ihre Psyche zu stabilisieren. Bei Mia hat sich nach und nach eine Besserung eingestellt. "Sie hatte sich ein Hobby zugelegt und den Schulabschluss geschafft", freut sich Anne-Kathrin Ettl.

Kontakt

Dr. med.
Anne-Kathrin Ettl Fenner
Oberärztin der Akutabteilung für Jugendliche der Psychiatrie Baselland, Liestal.