Skip to main content

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie Baselland therapiert in einer Spezialsprechstunde junge Patientinnen und Patienten mit einer Zwangserkrankung. Die ambulante Behandlung verbessert die Lebensqualität der Betroffenen oft deutlich.

Peter ist ehrgeizig und erst dann zufrieden, wenn er sehr gute Noten von der Schule nach Hause bringt. Der 13-Jährige setzt sich unter starken Leistungsdruck und nimmt alles ganz genau. Irgendwann stellen seine Eltern fest, dass sich Peter immer häufiger die Hände wäscht und sehr lange unter der Dusche steht. Seine Hände haben sich durch das ständige Waschen schon rötlich verfärbt. Zudem fällt Mutter und Vater auf, dass sich ihr Sohn von ihnen und seinen Geschwistern länger als bisher üblich verabschiedet, wenn er aus dem Haus geht.

Erste Abklärungen in der Zwangssprechstunde

Das veränderte Verhalten von Peter beunruhigt die Eltern. Sie lassen ihren Sohn in der Zwangssprechstunde der Kinder- und Jugendpsychiatrie Baselland abklären (siehe Kasten). Die Zwangssprechstunde wird von der erfahrenen Psychotherapeutin Claudia Bocola geleitet, die mit einem spezialisierten, interdisziplinären Behandlungsteam die jungen Patientinnen und Patienten behandelt sowie deren Eltern beratend begleitet.

In Gesprächen mit Peter und den Eltern suchen die Expertinnen nach den Auslösern für die zwanghaften Gedanken und Handlungen des Schülers. Eine der meist vielen Ursachen könnte mit dem krankheitsbedingten Tod des Grossvaters vor wenigen Wochen zusammenhängen. Peter hatte eine enge Beziehung zu ihm und leidet unter dem Verlust.

Seine Ängste machen ihn übervorsichtig, wenn er vermeintlich Schmutziges berührt oder einer kranken Person begegnet. Er befürchtet, darob krank zu werden. Darum reinigt er sich immer wieder die Hände; und er ergeht sich in Verabschiedungs-Ritualen, weil er ständig befürchtet, seiner Familie könnte etwas Schlimmes zustossen.

Symptome einer Zwangsstörung

Die fortwährenden Gedanken und die Furcht, sich schmutzig zu machen oder sich mit einem Krankheitserreger anzustecken und damit auch andere zu gefährden zählen zu typischen Zwangssymptomen im Kindes- und Jugendalter. Die Schweizerische Gesellschaft für Zwangsstörungen nennt weitere Aspekte von Zwangsgedanken:

  • Vergiftung (Befürchtung, durch Kontakt sich und andere zu vergiften)
  • Verschmutzung (Befürchtung, sich zu verschmutzen und diesen Schmutz zu verbreiten)
  • Krankheit (Befürchtung, durch Unvorsicht selbst zu erkranken oder die Erkrankung Dritter zu verursachen)
  • Streben nach Symmetrie (Unwohlsein, wenn Gegenstände nicht symmetrisch angeordnet sind)
  • Ordnung (gedankliche Beschäftigung mit Ordnung, um Unwohlsein zu vermeiden)
  • Aggression (Befürchtung, einer nahestehenden Person weh zu tun, zu der eigentlich ein inniges Verhältnis besteht)
  • Sexualität (Impulse, sich sexuell obszön zu verhalten sowie sexuelle Gedanken)
  • Religion (blasphemische Gedanken bei Menschen mit oft enger religiöser Bindung).

Massive Einschränkung der Lebensqualität

"Zwänge bestehen aus wiederkehrenden Gedanken und Impulsen, die bei den Betroffenen viel Anspannung und Stress erzeugen und die durchaus als übertrieben erlebt werden", erklärt Claudia Bocola. Trotzdem sähen sich die Betroffenen gezwungen, aufgrund der angstmachenden Gedanken wiederholt "Beruhigungsrituale" auszuführen – eben die Zwangshandlung. Ursprung der Zwangsgedanken und Zwangshandlungen sind starke Ängste. Werden die Zwangshandlungen unterdrückt, verstärken sich diese Ängste.

Zwangshandlungen schränken die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit stark ein, trotzdem können Betroffene sie nicht unterlassen, auch wenn sie einsehen, wie unsinnig und unnötig die Handlungen eigentlich sind. Die Schweizerische Gesellschaft für Zwangsstörungen unterscheidet folgende Zwangshandlungen:

  • Wasch- und Duschzwänge (stereotype Wasch- und Duschrituale aufgrund von Verschmutzungs- und Ansteckungsängsten sowie aufgrund von starkem Ekelempfinden)
  • Reinigungs- und Putzzwänge (ausgeprägte Reinigungsrituale aufgrund von Verschmutzungs- und Ansteckungsängsten)
  • Kontrollzwänge (Wiederholen von Handlungen, um Fehler zu vermeiden und um ein richtiges Gefühlherzustellen)
  • Ordnungszwänge (Gegenstände in ganz bestimmter Art anordnen sowie innere Anspannung, sobald die Ordnung gestört wird)
  • Berührungszwänge (zwanghaftes Antippen von Gegenständen oder Personen)
  • Sammelzwänge (die Unfähigkeit, Gegenstände wegzuwerfen wie etwa Zeitungen, Papierchen oder Müll aufgrund der Befürchtung, diese noch einmal gebrauchen zu können oder dadurch ein Teil von sich zu verlieren)
  • Zählzwänge (Zählen bis zu einer bestimmten Zahl, um Befürchtungen zu neutralisieren, meist im Kontext mit anderen Zwangshandlungen).

Diagnose einer Zwangserkrankung

Plötzlich auftretenden Zwangssymptomen können selten auch körperliche Ursachen wie eine Streptokokken-Infektion zugrunde liegen. Darum ist zu Beginn eine erste sorgfältige psychologische Abklärung und Diagnostik sehr wichtig. Dabei werden auch die Eltern eng mit einbezogen. Neben der Zwangserkrankung werde nicht selten auch ein ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung), eine Ticstörung oder auch eine depressive Entwicklung diagnostiziert, ergänzt Claudia Bocola.

Konfrontation mit den Ängsten

Wichtig in der Therapie ist die Konfrontation mit den Ängsten, ohne dass die Patientin oder der Patient Zwangshandlungen ausführt. Mit sogenannten Expositionen wird erreicht, dass der Patient es unterlässt, die Zwangshandlung auszuführen, um dabei die Erfahrung zu machen, dass nichts Schlimmes passiert. Expositionen können, wenn angezeigt, auch zuhause durchgeführt werden. Den Eltern, die ja meist in die Zwangsrituale einbezogen sind, wird dabei die Anleitung vermittelt, wie sie ihren Kindern zunehmend wieder Verantwortung abgeben.

Zwangserkrankungen können mit kognitiver Verhaltenstherapie sehr gut behandelt werden. Je früher, desto besser!

Claudia Bocola, eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin, Leiterin der Zwangssprechstunde der Kinder- und Jugendpsychiatrie Baselland.

Kognitive Verhaltenstherapie

Peter gehört zu den etwa zwei bis vier Prozent der Menschen, die einmal in ihrem Leben an einer Zwangsstörung erkranken. Sie zählt zu den häufigsten psychischen Erkrankungen, bleibt aber oft über lange Zeit unerkannt und unbehandelt. Eine Zwangsstörung wird mit kognitiver Verhaltenstherapie und, sofern angezeigt, zusätzlich mit Medikamenten behandelt, die selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) enthalten. Das sind Wirkstoffe aus der Gruppe der Antidepressiva. "Dies zählt heute zu den Leitlinien, ist in Studien gut untersucht und zeigt hohe Wirksamkeit", sagt Claudia Bocola.

Erfolgreiche Behandlung

Bei Peter hat die Behandlung gut angeschlagen. Er lernte bald, dass seine angstmachenden Gedanken, Zwangsgedanken sind und dass er diese nicht überbewerten darf. So konnte er besser mit seinen Zwangsgedanken umgehen und seine Ängste und Zwangshandlungen reduzieren.

"Die Therapie zeigte nach etwa einem Jahr gute Erfolge", bilanziert Claudia Bocola. Idealerweise bleibe nach dem Ende der Therapie höchstens noch eine Macke oder ein "Mödeli" übrig, was bei vielen Menschen ja nichts Aussergewöhnliches sei. Natürlich gebe es auch Betroffene, die nach der Therapie völlig frei von Zwangssymptomen seien.
 

Kontakt für die Behandlung von Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen

Spezialisierte ambulante Therapie bei Zwangsstörungen