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Drei authentische Lebenssituationen aus der Alterspsychiatrie zeigen, wie sehr ältere und alte Menschen unter der Corona-Pandemie leiden.

 

Ein Zustand ohne Lebensmut

Heidi M. ist 80 Jahre alt und war immer schon eine sehr genaue und vorsichtige Frau. Seit 15 Jahren lebt sie nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes alleine. Aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus trifft sie seit Beginn der Pandemie ihre Freunde nicht mehr. Besuche beim Hausarzt schiebt sie auf, Physiotherapietermin hat sie abgesagt.

Eine Nachbarin bringt Heidi M. Lebensmittel vorbei. Sie hat deren Tochter informiert, die in einer anderen Stadt lebt, dass die Mutter sehr zurückgezogen lebe und kaum ein Wort mehr wechsle. Auch die Tochter hat ihren wöchentlichen Besuch bei ihrer Mutter Heidi auf einmal im Monat reduziert.

Bei den regelmässigen Telefongesprächen ist ihr aufgefallen, dass die Mutter sehr bedrückt wirkt. Bei einem Treffen mit der Mutter stellt die Tochter fest, dass sie sehr geschwächt und deprimiert erscheint; ein Zustand ohne Lebensmut. Die Tochter muss ihre ganze Überredungskunst aufbringen, um die Mutter zu überzeugen, dass sie in die ihr bekannte Klinik geht. Denn auch dort befürchtet die Mutter eine Ansteckung.

 

Kontrolle über den Alkoholkonsum verloren

Heinrich L. ist verwitwet und lebt alleine. Der 70-jährige Mann versorgt sich selbst und hat ein gutes Verhältnis zu seinen erwachsenen Töchtern, die er jedes Wochenende trifft. Ihnen ist aufgefallen, dass in der Wohnung des Vaters immer mehr Unordnung herrscht und auch er selbst vernachlässigt, manchmal auch verwirrt wirkt. Und: In der Küche hinter der Tür finden sie in einer Papiertasche unzählige leere Wein- und Kirschflaschen.

Als der Vater nach einem Sturz auf die Notfallstation kommt – zum Glück ist der Unfall glimpflich abgelaufen – stellt das Betreuungspersonal einen erhöhten Alkoholspiegel im Blut fest, was die Befürchtung der Töchter bestätigt: Ihr Vater hat in der Einsamkeit aufgrund des mehrwöchigen Lockdowns die Kontrolle über den sonst normalen Alkoholkonsum bei geselligen Gelegenheiten verloren. Sie motivieren ihn zu einer Entzugs- und Depressionsbehandlung in der psychiatrischen Klinik.

In der Klinik findet Heinrich L.  wieder Halt. Nach seiner Rückkehr nach Hause nimmt er regelmässig  an einer Gruppentherapie teil und wird jede Woche einmal von einer Psychiatriepflegefachperson aufgesucht. Diese plant mit ihm die Woche und motiviert ihn zu Aktivitäten. Dadurch gelingt es, dass Heinrich L. nicht mehr so einsam ist.

 

Die Isolierung mit Hilfe meistern

Das Ehepaar Federica und Hans S. lebt im Alters- und Pflegeheim. Seit sieben Tagen sind der 94-jährige Mann und die 85-jährige Frau in ihrem Zimmer eingeschlossen, da es Covid-19-Fälle auf der Abteilung gegeben hat. Sie sind in Kontaktisolation und können nur via Telefon oder mit einzelnen Pflegenden kommunizieren.

Die Situation macht Federica und Hans S. sehr depressiv. Sie äussern den Wunsch, nicht mehr leben zu wollen. Ihr Hausarzt regt die beiden an, sich im Heim von einer Psychiaterin behandeln zu lassen. Die externe Fachperson sucht das Ehepaar unter Einhaltung der Schutzauflagen auf, führt ein längeres unterstützendes Einzelgespräch mit jedem der beiden und vereinbart einen neuen Termin. Gemeinsam mit den Betreuern im Heim werden weitere Ideen gefunden, wie die Isolierung leichter gemeistert werden kann. Sie werden unterstützt bezüglich Videotelefonie mit den Angehörigen und es wird ein verbindlicher schriftlicher Kontaktplan erstellt, sodass sie wieder mehr Kontrolle und Struktur im Tagesablauf bekommen. Dadurch gewinnen Federica und Hans S. wieder neue Hoffnung.

Kontakt

Dr. med.
Silvia Tenés Reino
Chefärztin