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Medienmitteilung

18. Juni 2018

Abschiedssymposium von Prof. Dr. Joachim Küchenhoff

Über die Bedeutung der Sprache in der Psychotherapie

Psychisch kranke Menschen zu therapieren bedeutet, ihr Leiden in Worte zu fassen. Der Bedeutung der Sprache in der Psychotherapie hat sich das Abschiedssymposium von Prof. Dr. Jochim Küchenhoff gewidmet. Der scheidende Direktor Erwachsenenpsychiatrie der Psychiatrie Baselland hiess rund 300 Teilnehmende aus Wissenschaft, klinischer Praxis sowie Mitarbeitende willkommen.

„Zur Sprache bringen – Die Aufgaben der Therapie“: So lautete der Titel des Abschiedssymposiums für Prof. Dr. Joachim Küchenhoff, der nach über zehn Jahren als Chefarzt und ärztlicher Direktor der Erwachsenenpsychiatrie der Psychiatrie Baselland Ende Juli 2018 pensioniert wird. Rund 300 Wissenschaftler aus der Schweiz und Deutschland sowie Experten aus der klinischen Praxis und Mitarbeitende der Psychiatrie Baselland diskutierten die Bedeutung der Sprache, wenn es darum geht, psychisch kranke Menschen zu therapieren. Dem scheidenden Direktor Erwachsenenpsychiatrie sind berufliche Netzwerke und interdisziplinäre Kooperationen immer ein grosses Anliegen gewesen. Darum hat er für sein Abschiedssymposion ein Thema gewählt, das zum Gespräch über Psychiatrie und Psychotherapie und ihre Nachbardisziplinen einlädt. Tagungsleiterin war Dr. Silvia Tenés Reino, Chefärztin des Zentrums für Alterspsychiatrie.

Zur Sprache bringen lässt sich doppeldeutig verstehen

Der Titel des Symposiums lässt zwei Lesarten zu: Wir können etwas zur Sprache bringen, das vielleicht bekannt ist, vor dem aber alle ausweichen, das tabuisiert worden ist. Wir können aber auch Erfahrungen und Empfindungen zur Sprache bringen, wenn sie noch oder nicht mehr aussprechbar sind. Wir können sie in Worte überführen. In der therapeutischen Arbeit spielen beide Lesarten des „zur Sprache Bringens“ eine entscheidende Rolle. Das Therapiegespräch muss Mut zum Benennen und zur Suche nach dem richtigen Wort machen, um individuell und kollektiv Verdrängtes bewusstzu machen, verworfene Erfahrungsbereiche in die Kommunikation zu reintegrieren und neue Erfahrungen entstehen und begrifflich fassbar werden zu lassen.

Sprache bestimmt das Denken
Der Basler Philosoph Prof. Emil Angehrn arbeitete die Chancen, aber auch die Grenzen des sprachlichen Vermögens heraus und stellte überzeugend dar, wie menschliches Leben gebunden ist an die Sprache und sich durch die Möglichkeit zu sprechen verwirklicht. Sprache bestimmt den Horizont des Denkens und Erlebens, aber auch die Einschränkungen der Perspektiven.

Die Psychoanalytikerin und Psychologin Dr. Gertraud Schlesinger-Kipp aus Kassel arbeitet unter anderem mit traumatisierten Flüchtlingen zusammen. In einer grossen empirischen Studie hat sie die Wirkung grosser Lebensbelastungen während Jahrzehnten auf Menschen untersucht. Dazu hat sie deutsche Fachleute und Kollegen in fortgeschrittenem Alter über ihre Erfahrungen während  der Nazidiktatur und dem 2. Weltkrieg befragt. Tief bewegt war das Publikum über die persönlichen Berichte, die deutlich machten, wie das Erlittene, aber auch die eigenen Taten den Menschen das ganze Leben verfolgen.

Gewohnte Behandlungspfade verlassen

Prof. Dorothea von Haebler von der Internationalen Psychoanalytischen Universität Berlin hat die Zuhörer mit ihrem temperamentvollen Plädoyer für ein psychotherapeutisches Engagement in der Behandlung schwerer psychotischer Störungen in den Bann gezogen. Es sei nicht Aufgabe der Patienten, sich an die Angebote der Therapeuten anzupassen, vielmehr müssten diese von den eingespurten Behandlungsformen abweichen können, um die Patienten überhaupt zu erreichen: Sie stellte heraus, wie insbesondere die Angst vor und zugleich die Sehnsucht nach Nähe in der Behandlung psychotischer Patienten berücksichtigt werden muss.

Hören mit einem „dritten Ohr“

Prof. Rolf-Peter Warsitz, Kassel, verkörpert geradezu Interdisziplinarität, weil er sowohl voll ausgebildeter Psychoanalytiker und Psychiatrie als auch habilitierter Philosoph ist. Er hat sich in seinem Referat subtil den Feinheiten des therapeutischen Gesprächs zugewendet. Der Therapeut müsse die Fähigkeit besitzen, in einer besonderen Weise zu hören. Warsitz nutzte das Bild vom „Hören mit dem dritten Ohr“; der Therapeut müsse auch das Unausgesprochene, das vielleicht nur in Handlungsabläufen dargestellte, allein im Körper ausgedrückte wahrnehmen können. Diese Art des „Hörens“, der offenen Aufmerksamkeit und Bereitschaft, auf den anderen zuzugehen, macht Anleihen bei der ästhetischen Erfahrung, insbesondere dem musikalischen Hören.

Sprache durch Bewegung und Gestaltung

Der Vortrag von zwei Mitarbeitenden von Joachim Küchenhoff, des Kunsttherapeuten
Christoph Braendle und der Physiotherapeutin Zagorka Pavles, knüpfte an die Ausführungen von Warsitz an. Sie zeigten unter aktiver Beteiligung des Publikums, wie Körperhaltung und Bewegungsformen sowie das bildnerische Gestalten Gefühle und Erfahrungen ausdrücken können, längst bevor diese der verbalsprachlichen Bearbeitung zugänglich sind. Die Zuhörenden konnten durch kurze Körperübungen und beim Betrachten der eindrucksvollen Bilder eines Patienten im Verlauf seiner Behandlung in der Psychiatrie Baselland am eigenen Leib spüren, wie Körper- und Wortsprache einander ergänzen.

Neue Autoritäten

Privatdozent Oliver Decker aus Leipzig vertrat eine dezidiert gesellschaftswissenschaftliche und soziologische Position. Seine These lautet: Die gesellschaftliche Unterwerfung unter Autoritäten habe abgenommen, wenn als Autorität die (allmächtigen) Führungspersönlichkeiten angesprochen seien. Aber an deren Stelle seien andere, nicht-personale Autoritäten getreten, denen nicht weniger gefolgt wird. Als Beispiel nannte Decker die unhinterfragte Führungsrolle der Wirtschaft, insbesondere die Ideologie des ständigen Zuwachses an ökonomischer Expansion.

Joachim Küchenhoff rahmte mit seinen begrüssenden und verabschiedenden Worten die Tagung ein und sprach in viele Richtungen Dank aus. Vor allem an die Menschen, die in den Institutionen, zuletzt in der Psychiatrie Basel, so freundlich und überaus engagiert mit ihm gearbeitet haben, und an die Menschen, die an einer interdisziplinären Vernetzung mitgewirkt haben, die ihm ein besonderes Anliegen ist. Er dankte aber auch den Patientinnen und Patienten, mit denen zusammen er so viel gewinnen und bewirken konnte.

Kontakt

Prof. Dr. med. Joachim Küchenhoff, Direktor Erwachsenenpsychiatrie, Psychiatrie Baselland, Bienentalstrasse 7, 4410 Liestal Telefon 061 553 51 02, joachim.kuechenhoff@pbl.ch

                  

Bildlegende:

Prof. Dr. Joachim Küchenhoff, Direktor Erwachsenenpsychiatrie der Psychiatrie Baselland, spricht an seinem Abschiedssymposium zu rund 300 Zuhörerinnen und Zuhörern.

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