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Medienmitteilung

14. November 2017

Die Frage nach dem Geschlecht bewegt die Wissenschaft

Jahressymposium der Psychiatrie Baselland

Die Frage nach dem Geschlecht bewegt die Wissenschaft

Ihr Jahressymposium 2017 hat die Psychiatrie Baselland der „Frage nach dem Geschlecht" gewidmet. Eingeladen hatte Prof. Dr. med. Joachim Küchenhoff, Direktor Erwachsenenpsychiatrie. Zu den Vorträgen und Diskussionen dieses brandaktuellen Themas kamen rund 250 Besucherinnen und Besucher aus Wissenschaft und Praxis.

Diagnostik und Therapie von psychisch kranken Menschen sind geschlechtsneutral, sollte man meinen. Dennoch fällt auf, dass viele Diagnosen geschlechtsspezifisch gestellt werden. Aber sind Frauen wirklich depressiver als Männer, um ein Beispiel zu nennen? Oder haben die Diagnostiker ein unbemerktes Geschlechts-Vorurteil? Für eine faire und erfolgreiche Behandlung sei es unabdingbar, dass die Therapeuten ihre eigenen Einstellungen zu den Geschlechterrollen selbstkritisch überprüften. Das sagte Tagungsleiter und Direktor Erwachsenenpsychiatrie, Prof. Dr. Joachim Küchenhoff, am Jahressymposium der Psychiatrie Baselland.

Ausserdem zeigte der Psychoanalytiker vor den rund 250 Gästen, dass ein aggressives Verteidigen der eigenen Geschlechtsidentität und der eigenen Geschlechtsrolle auf grosse Unsicherheiten verweist und anstrengend ist. Er erwähnte die therapeutischen Konzepte, die darauf ausgelegt sind, den „Stress" um die eigene Geschlechtsidentität abzubauen.

Transmenschen brauchen Coaching, keine Therapie

In Handbüchern zur Klassifikation von Krankheiten gilt Transgenderismus als psychische Krankheit. Das heisst, wer sich nicht eindeutig dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuordnen lassen will, leidet an einer Persönlichkeits- und Verhaltensstörung und sollte therapiert werden. Diese Ansicht ist umstritten – auch unter Fachleuten. Der Tenor der Referenten war eindeutig: Wer als Transmensch lebt, dem sollte psychologische Begleitung angeboten werden – ein Coaching, aber keine Therapie.

Transidente Menschen lösten oft Irritationen aus, sagte der emeritierte Basler Psychiatrieprofessor Udo Rauchfleisch. Die Vielfalt der Geschlechter gehöre aber zu unserer komplexen Welt. Vor allem wehrte sich Rauchfleisch dagegen, Transidentität oder Transsexualismus als etwas Anormales oder als psychische Krankheit zu klassifizieren. Transmenschen brauchten keine Psychotherapie. Ihnen soll aber angeboten werden, dass man sie psychologisch begleite oder „coache", da viele Fragen zu klären seien.

Rechtliche und soziale Gleichstellung gefordert

Wie es der Zufall wollte, fällte das deutsche Bundesverfassungsgericht einen Tag vor dem Symposium ein wegweisendes Urteil, welches die Persönlichkeitsrechte von transgeschlechtlichen Menschen stärkt: Das Gericht verlangt, dass – neben Mann und Frau – im Einwohnerregister ein drittes Geschlecht eingeführt wird. Diese rechtliche Gleichstellung der Transgender ist ein Meilenstein auch auf dem Weg zur sozialen Gleichstellung dieser Menschen, wie sie am Symposium immer wieder gefordert wurde. In der Schweiz gibt es noch einiges zu tun. Rauchfleisch zitierte ein Urteil des schweizerischen Bundesgerichts: Wer seinen Körper durch eine Operation seiner geschlechtlichen Identität an-passen will, bekommt die Kosten von der Krankenkasse erst erstattet, wenn die Person vorher eine längere Psychotherapie hinter sich hat.

Trotz Vaterschaftsurlaub schleppende Frauen-Emanzipation

Ein weiterer schöner Zufall: Einen Monat vor der Tagung hat die Historikerin Prof. Dr. Ute Frevert, Direktorin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland erhalten. Sie untersuchte in ihrem Referat den Fortschritt der Gleichberechtigung in der europäischen Gesellschaft während den letzten 30 Jahre. Im Bildungsbereich seien Frauen heute nicht mehr benachteiligt, führte sie aus. Sie hob hervor, dass mittlerweile ein Drittel der Väter einen Vaterschaftsurlaub wählten.

Dennoch geht die Emanzipation der Frau nur langsam voran. Die Mütter würden durch die Väter immer noch zu wenig entlastet. Frevert bedauerte, dass Frauen noch immer zurückhaltend seien, eine wissenschaftliche Karrieren zu wählen. Sorge würden ihr Rückschläge in der Vorstellungswelt über die Geschlechter machen: Vor allem die Werbung greift in den letzten Jahren wieder viel krasser auf Männlichkeits- oder Weiblichkeits-Klischees zurück.

Weitere Referenten waren die Basler Professorin für Geschlechterforschung Andrea Maihofer, die Frankfurter Professorin Ilka Quindeau und der Zürcher Psychoanalytiker Pierre Passett.

Kontakt
Prof. Dr. med. Joachim Küchenhoff, Direktor Erwachsenenpsychiatrie, Psychiatrie Baselland, Bienentalstrasse 7, 4410 Liestal Telefon 061 553 51 02, joachim.kuechenhoff@pbl.ch

Podium am Jahressymposium der Psychiatrie Baselland (v.l.): Ute Frevert, Historikerin, Max-Planck-Institut Berlin; Joachim Küchenhoff, Psychoanalytiker, Direktor Erwachsenenpsychiatrie Psychiatrie Baselland; Ilka Quindeau, Soziologin und Psychologin, University of Applied Sciences, Frankfurt; Peter Passett, Psychoanalytiker, Zürich; Andrea Maihofer, Soziologin Universität Basel.

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