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Medienmitteilung

16. November 2016

Vertrauen und Misstrauen als Chance einer Beziehung

Symposium der Psychiatrie Baselland
Vertrauen und Misstrauen als Chance einer Beziehung

Vertrauen in Beziehungen – von der philosophischen Betrachtung bis zur praktischen Anwendung in der Unternehmensberatung: Zu diesem Thema haben Experten aus Philosophie, Ethik, Medizin und Wirtschaft am Jahressymposium der Psychiatrie Ba-selland in Liestal referiert und diskutiert. Mehr als 200 Gäste waren gekommen.       

Wie gewinnen traumatisierte und schutzbedürftige Flüchtlinge im Gastland wieder Vertrauen? Wodurch kann ein Vertrauensvorschuss am Anfang einer Arzt-Therapeut-Patient-Beziehung verloren gehen? Wie können Mitarbeitende einander in einem Unternehmen in Zeiten der Veränderung vertrauen?

Zum Thema „Vertrauen in Beziehungen“ hat der Direktor Erwachsenenpsychiatrie der Psychiatrie Baselland, Prof. Dr. Joachim Küchenhoff, Experten aus dem In- und Ausland nach Liestal zum Jahressymposium geladen. Mehr als 200 Gäste nahmen an der Veranstaltung teil, an welcher der Begriff „Vertrauen“ aus philosophischer, medizin-ethischer, psychologischer und psychotherapeutischer Sicht beleuchtet wurde.

Vertrauen ist nötig und verletzlich
Joachim Küchenhoff zeigte in seinem Referat, wie notwendig, aber auch verletzlich Vertrau-en ist. Der Begriff Vertrauen werde in der Beziehung zwischen Arzt, Therapeut und Patient, in der Sozial-, Politik- und Wirtschaftswissenschaft sowie in der Technikforschung vielfältig verwendet. Vertrauen ist eine Gefühlshaltung. Vom Vertrauen kann man zu viel, aber auch zu wenig geben, es lässt sich herstellen, kann aber wieder verschwinden. Vertrauen ist ein-gelassen in einen interpersonalen Prozess, in Beziehungsgeschichten, und da Beziehungen sich verändern, wird Vertrauen immer wieder auf die Probe gestellt, betont Joachim Küchenhoff.

Er spricht vom Grundvertrauen als ein Gefühl des Sich-Verlassen-Dürfens auf andere und auf sich selbst, welches sich im frühen Kindesalter durch verlässliche Zuwendung der Eltern entwickelt und überhaupt erst zum Vertrauen befähigt. Misstrauen entstehe, wenn dieses Grundvertrauen sich nicht gegenüber anderen, negativen Erfahrungen durchsetzen kann.
Vertrauen sei ein wechselseitiges Geschehen. Es sei aber nicht einfach gegeben, sondern werde in Frage gestellt und durch solche Krisen gestärkt, sagt Küchenhoff. Auch wenn Ver-trauen Enttäuschungen erlebt habe, bestehe die Chance, dass dieses Vertrauen trotz Krisen bestehen bleibe.

Der Kern des Vertrauens
Von einem Spannungsverhältnis zwischen Vertrauen und Misstrauen sprach der emeritierte Philosophie-Professor Dr. Emil Angehrn, denn Vertrauen und Misstrauen gehören zu den Grundbedingungen menschlichen Lebens. Die zwischenmenschliche Beziehung kann, so Angehrn, als Kern und Ursprung des Vertrauens angesehen werden. Weitere Bereiche des Vertrauens sind Selbstvertrauen und Weltvertrauen. „Selbstvertrauen bedeutet, dass ich auch mir selber etwas zutraue, wenn ich glaube, die Kraft zu haben, eine Aufgabe oder ein Wagnis zu übernehmen“. Weltvertrauen, also das Vertrauen gegenüber der staatlichen, kulturellen oder religiösen Ordnung, kann laut Angehrn durch aktuelle politische Ereignisse wie in den USA in Frage gestellt werden.

Vertrauen als „riskante Vorleistung“
„Vertrauen ist weder Hoffnung noch Zuversicht“, sagt Medizinethiker Prof. Dr. Giovanni Maio und zitiert den Soziologen Niklas Luhmann, der Vertrauen als „riskante Vorleistung“ versteht. Vertrauen als riskante Vorleistung benötige Kontrollelemente, Informationen und rationale Abwägungen, aber auch Zutrauen in das eigene Gefühl. Dieses Vertrauen brauche Zeit und Spielräume. „Überbordende Kontrolle und Ökonomisierung aber führen zum Verlust der Freiheit, etwa in der Arzt-Patient-Beziehung“, sagt Maio. Gerade hier könne Vertrauen nicht vorausgesetzt, sondern müsse „erarbeitet“ werden.
Einen weiteren Aspekt des Vertrauens nahm Privatdozent Dr. med. Dr. phil Daniel Sollberger von der Psychiatrie Baselland auf. Er sprach über Lügen und Misstrauen in therapeutischen Beziehungen und zeigte, wie frühes Misstrauen entsteht und wie Misstrauen und Lügen zu einer Irritation der therapeutischen Beziehung führen kann.

Vertrauen in der Wirtschaft
Vertrauensvorschuss sei trotz Misstrauens unverzichtbar in Wirtschaft und Politik, sagte der Psychoanalytiker und erfolgreiche Unternehmensberater Dr. Hansjörg Becker. Vorgesetzte können seiner Ansicht nach Vertrauen gewinnen, indem sie um Vertrauen werben, gradlinig sind, Versprechen halten oder begründen, wenn sie das nicht können, indem sie Fehler zu-geben, sich authentisch verhalten und selber Vertrauen leihen.

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